Gärtnern mit Landsorten – Landrace Gardening

In meinem zweiten Post habe ich euch eine kleine Einführung gegeben, wie ihr eure eigene Saatbank aufbauen könnt. Hierbei ging es vor allem darum, die Sorten zu erhalten wie sie sind. In diesem Beitrag möchte ich aber eine etwas andere Idee mit euch teilen, auf die ich vor ein paar Tagen gestoßen bin und mein Interesse geweckt hat. Und zwar geht es heute um Landsorten (englisch: Landrace).

Ich habe bis jetzt noch keine eigenen Erfahrung damit machen können, habe aber viel im Internet geforscht und möchte das Konzept auf jeden Fall mit in meinen Garten einbringen um meine eigenen Landsorten zu züchten und den Weg dahin mit euch teilen.

Was sind Landsorten?

Landsorten sind Sorten, die einen hohen Grad an Diversität haben, vielfältig Bestäubt werden und an deine lokalen Bedingungen angepasst sind. Sie vereinen die guten Qualitäten von verschiedenen hoch gezüchteten Sorten, welche unter Inzuchtdepression leiden, um widerstandsfähige, ertragreiche und an deine Vorlieben und Garten angepasste Pflanzen hervorzubringen. Mit Landsorten brauchst du nicht die Umgebung an deine Pflanzen anzupassen sondern passt die Pflanzen an deine Umgebung an.

Landsorten entstehen durch die Gewinnung von eigenem Saatgut, einer Wertschätzung an Diversität und Kreuzungen, die natürliche Selektion deines Standortes, die Auswahl deiner präferierten Eigenschaften und dem Teilen deines Saatgutes.

Landsorten sind keine neue Erfindung. Auf diese Weise zu gärtnern spiegelt viel eher die klassische Art wieder, wie bereits vor hunderten, tausenden Jahren unsere Vorfahren gegärtnert haben. Es wurden Samen gesät und das Saatgut von den besten, größten, leckersten und widerstandsfähigsten Pflanzen für das nächste Jahr aufgehoben und neu ausgesät. Über die Jahre entstanden so Pflanzen, die perfekt an die lokalen Bedingen, Bodenbeschaffenheiten, klimatische Faktoren und Schädlinge angepasst waren. Samen wurden mit Nachbarn getauscht, bei denen sehr ähnliche Bedingungen vorherrschten, und brachte neue Variationen in den Genpool. Aus diesen alten Landsorten entstanden über die Jahre die samenfesten Sorten, wie wir sie heute kennen.

Durch den beginn der Kommerzialisierung des Saatgutes ging die Tradition und das Wissen, eigenes Saatgut zu gewinnen, langsam verloren. Durch Gärtner wie Joseph Lofthouse wird die Tradition der Züchtung von Landsorten jedoch langsam wieder belebt und zum Umdenken angeregt.

Das Problem mit Kommerziellen Sorten

Ein kleiner Absatz wird nicht reichen um das Problem der kommerziellen Sorten ausreichend zu beschreiben, aber ich werde mein bestes tun um es in kürze wieder zu geben.

Die heutigen gängigen Gemüsesorten sind vor allem darauf gezüchtet gut vermarktet werden zu können. Das heißt sie erzielen hohe Erträge, reifen alle zur selben Zeit ab, überstehen lange Transportwege und haben eine hohe Lagerfähigkeit um auch nach weiten Strecken noch gut verkauft werden zu können. Dabei ist der Geschmack und Nährstoffdichte zweitrangig. Diese Sorten werden unter optimalen und stark kontrollierten Bedingungen gezüchtet, sodass der Heimgärtner nur mit hohem Arbeitsaufwand, viel Pflege und meist auch mit Einsatz von Herbi- und Pestiziden Erträge erzielt. Darüber hinaus ist auch vieles Saatgut ein F1 Hybrid oder sogar patientert, welches verhindert dass eigenes Saatgut gewonnen werden kann und dieses Jahr für Jahr von großen Konzernen neu erworben werden muss.

Somit sind Gärtnerinnen und Bauern abhängig von diesen großen Saatgutherstellern.

Das Problem mit Samenfesten Sorten

Samenfeste Sorten (inklusive der aus den USA bekannten „Heirlooms“) sind durch Züchtungen entstanden, bei denen Pflanzen mit einer bestimmten Ausprägung miteinander gekreuzt wurden um letztendlich diese so zu festigen, dass man zwei Pflanzen einer Sorte kreuzen kann und die Nachkommen die gleichen Eigenschaften wie ihre Eltern und Großeltern haben. Von samenfesten Sorten kann man, teils mit etwas mehr Aufwand, sein eigenes Saatgut gewinnen und diese Jahr für Jahr anpflanzen ohne sie immer wieder käuflich erwerben zu müssen. Sie ermöglichen eine Unabhängigkeit vom Markt und können unter Gärtnerinnen weiter gereicht und getauscht werden. Doch trotzdem treten hier immer wieder Probleme auf.

Im Prinzip ist nichts auszusagen an samenfesten Sorten, allerdings ist zu beachten, dass sie an bestimmten Orten entstanden, unter bestimmten klimatischen Bedingungen, Bodenverhältnissen und Schädlingsbefall und sich an diese Umgebung gut angepasst haben. Die Bedingungen sind jedoch auch schon auf kleiner Fläche sehr verschieden, ganz davon zu schweigen wie sie Länderübergreifend sind oder auf komplett anderen Kontinenten. Sorten, die in Italien florieren werden es in Deutschland recht schwer haben und auch solche, die wunderbar in Brandenburg wachsen, können in Niedersachsen an ihre Grenzen stoßen. Grund dafür ist eine Inzuchtdepression. Bestimmte Pflanzen wurden über Generationen untereinander gekreuzt und ihre Nachkommen ebenso. Sie wurden nach bestimmten Merkmalen selektiert woraufhin andere Gene verloren gingen und dadurch ihre Anpassungs- und Wiederstandfähigkeit mit ihnen. Die meisten Tomatensorten müssen nun gut gepflegt, vor Regen geschützt und stark gedüngt werden, damit man eine schöne Ernte erzieht. Am liebsten mögen sie es noch warm und eine regelmäßige Bewässerung, aber doch bitte nicht auf die Blätter.

Landsorten als Lösung?

Als ich vor kurzem zum ersten Mal von der Züchtung von Landsorten hörte, bei der alle möglichen Sorten in einen Topf geworfen werden um die Gene zu vermischen, wurde ich erst einmal kurz stutzig. Die ganze Arbeit, die in den Erhalt der Sorten floss einfach so zunichte machen?

Doch umso tiefer ich in das Thema hinab tauchte umso überzeugter wurde. Es machte einfach Sinn!

Wieso sollte Mensch Sorten nutzen, die nicht an dem Standort gedeihen können wo sie es sollen, da ihnen einfach die genetische Information fehlt mit den standortbedingten Problemen umzugehen? Es wäre doch viel Sinnvoller die Pflanzen an den Standort anzupassen und an meine Wünsche, als den Standort an die Pflanzen. Eine hohe Vielfalt an Genen kann auch mit einer größeren Vielfalt an Problemen klarkommen oder sogar trotz ihnen florieren. Gut angepasste Pflanzen verden nicht von dem ersten Schädling zerstört, der sie nur falsch anguckt, oder müssen Tag täglich gegossen werden um mal eine Dürrephase zu überstehen.

Gerade in Zeiten des Klimawandels sind Sorten, welche unter starker Inzuchtsdepression leiden (Verlust von vielen Genen) sehr anfällig und erlauben kein klimaresilientes Gärtnern. Wir müssen die Gene, die noch nicht verloren gegangen sind, neu kombinieren um Pflanzen anbauen zu können, die stark genug sind mit den heutigen und zukunftigen Bedingungen zu florieren, um eine regionale Gemüseversorgung langfristig zu sichern.

Wie du deine eigene Landsorte züchten kannst

Was du brauchst:

Pflanzen, die sich kreuzen können und Samen produzieren

Um die genetische Vielfalt gut zu durchmischen brauchen wir für unsere Landsorten pflanzen, die sich kreuzen können und auch Samen produzieren. Heutige Sorten sind oft gar nicht mehr in der Lage sich durch Fremdbestäubung zu reproduzieren. Das heißt, dass sie entweder selbstbestäubt sind oder sogar einfach nur Klone. Viele Tomatensorten sind zum Beispiel so gezüchtet, dass Bestäuber gar nicht an die Pollen und Griffel ran kommen um sie durch fremde Pollen bestäuben zu können. Auch der Knoblauch bildet selten nur noch Blütenstände aus, welche Samen produzieren und wird nur noch vegetativ vermehrt, wodurch die Nachkommen genetisch Identisch mit der Elternpflanze sind. Viele Bohnen sind fast ausschließlich selbstbestäubend und auch Kartoffeln werden eher vegetativ vermehrt, sprich durch Klone. Hier kann nicht auf eine Anpassung an die lokal vorherrschenden Bedingungen selektiert werden, da die Gene nicht neu zusammen gewürfelt werden wie bei der sexuellen Reproduktion wo eine Bandbreite an Charakteristiken in der Tochtergeneration ausgebildet werden.

Zum Start deiner eigenen Landsorten werden deshalb von Joseph Lofthouse Arten empfohlen, welche einjährig sind und sich leicht mit anderen Pflanzen kreuzen: Kürbisse (vor allem Cucurbita maxima und C. moscha), Feuerbohnen (Phaseolus coccineus), Ackerbohnen (Vicia faba), Mais (Zea mays), Gurken (Cucumis sativus), Melonen (Cucumis melo und Citrullus lanatus), und Spinat (Spinacia oleracea). Bohnen sind zwar nur um die 30 bis 35 % fremdbestäubt, was sie von der Seite aus nicht optimal zur Züchtung einer Landsorte macht, aber die einfache Handhabung, Nachzucht und Saatguternte sowie Erkennung von Hybriden macht sie trotzdem zu einem guten Startpunkt.

Umso mehr verschiedene Sorten, und dadurch genetische Vielfalt, man zu Anfang hat, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit Pflanzen zu erhalten, die gut an einen Standort angepasst sind mit denen man weiter Züchten kann. Aber auch mit anfangs nur ein paar Pflanzen kann begonnen werden eine eigene Landsorte zu züchten. In den nächsten Genrationen können immer wieder neue Sorten mit hinzu gemischt werden, die eine von dir präferierte Eigenschaft besitzen und diese Gene in deine Landsorte mit einbringen.

Experimentierfreudigkeit

Um seine eigene Landsorte zu züchten muss man etwas die Scheu vor Kreuzungen und Hybriden verlieren. Es ist wunderbar die vielen verschiedenen reinen Sorten zu haben, aber wenn wir Pflanzen haben wollen, die besser an unseren Standort angepasst sind, müssen wir uns lösen von dem Gedanken der Sortenreinheit, auch wenn es vielleicht erstmal schwer fallen mag. Aber mit einer erfolgreichen Kreuzung können Pflanzen entstehen, die mit minimalem oder sogar ganz ohne Arbeitsaufwand in deinem Garten florieren und dabei noch hohe Erträge erzielen und wunderbar schmecken.

Natürlich kann es durch die Kreuzungen zu ungenießbaren Erträgen kommen, die nicht weiter in die Züchtung deiner Linie einfließen sollten, um die Eigenschaften aus zukünftigen Generationen raus zu halten. Aber vielleicht sind es auch genau diese Pflanzen die wunderbar an deine Umgebung angepasst sind, welche in folgenden Generationen auf Geschmack gezüchtet werden können.

Etwas Verständnis für Züchtungen

Auch wenn unsere Vorfahren seit tausenden von Jahren so ihr Gemüse züchteten, kann ein wenig Verständnis für die Abläufe nicht schaden, um ungewollte Ergebnisse zu vermeiden. Es gibt nur wenige Arten wo tatsächlich Vorsicht bei wilden Zuchtexperimenten geboten ist. Hierzu zählen Gurken, Melonen und vor allem Gartenkürbisse (C. Pepo). Diese können Cucurbitacine enthalten, welche bitter sind und bei zu hohen Dosen sogar tödlich sein können. Hierrunter fallen heute vor allem Zierkürbissen (C. Pepo). Diese können sich mit Zucchinis und anderen Gartenkürbissen immer noch kreuzen und dadurch die Bitterstoffe in weiter vererben. Durch ihren stark bitteren Geschmack fallen die Cucurbitacine allerdings sehr schnell auf und werden ganz natürlich von uns gemieden.

Aussicht

Es klingt fast zu gut um wahr zu sein, dass man einen Garten haben kann mit florierenden Gemüsesorten, die wie von selbst wachsen und dabei all meine liebsten Eigenschaften vereinen. Aber gerade mit den ungewissen Bedingungen einer Welt im Klimawandel beinhaltet dieses Projekt so viele Lösungen dass ich es für Riskant halte, sie nicht auszuprobieren.

Ich werde euch auf jeden Fall mitnehmen und über meine Erfolge und Misserfolge auf dem laufenden halten.

Bis zum nächsten Mal,

Weiter Informationen

Wenn du mehr über Landsorten erfahren willst kannst du dir folgendes mal anschauen:

Going to Seed: https://goingtoseed.org/ Hier gibt es kostenlose Onlinekurse zu dem Thema Landsorten, allerdings auf englisch

Das Buch: Landrace Gardening von Joseph Lofthouse: bis jetzt noch nicht auf deutsch erschienen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen