Eine eigene Saatbank aufbauen

Saatgut begleitet uns Menschen schon seit tausenden von Jahren. Früher war es die Lebensgrundlage, die von Generation zu Generation weiter gegeben wurde, zusammen mit dem Wissen es auszusähen, zu pflegen, zu ernten und für ein kommendes Jahr aufzubewahren, damit der Kreislauf von neuem beginnen kann.

Die Sorten brachten Geschichten mit sich, Hoffnung und Sicherheit.

Vieles davon ist heute leider verloren gegangen. Aber das heißt nicht, dass man es nicht wieder entdecken und beleben kann. Und das ist vielleicht einfacher, als du denkst.

In diesem Beitrag möchte ich ein paar Grundlagen mit dir Teilen, wie du anfangen kannst dein eigenes Saatgut zu sammeln und welche Gemüsearten sich am besten für den Beginn deiner eine eigenen Saatbank eignen. Ohne es kompliziert zu machen und enorm viel Aufwand zu betreiben kannst du anfangen Stück für Stück unabhängiger zu werden. Auch auf dem Balkon kann man schon anfangen das eigene Saatgut zu ernten.



Wieso überhaupt Saatgut sammeln?

So viele Gärtner wie es gibt, so viele verschiedene Gründe wird es auch geben eigenes Saatgut zu sammeln. Da kann jeder nur seine persönlichen Gründe nennen:

Eigenes Saatgut zu sammeln und zu vermehren ermöglicht es Pflanzen zu erhalten, die von Jahr zu Jahr immer besser an genau den Standort angepasst sind, an dem sie auch wachsen sollen.

Eigenes Saatgut mach uns unabhängiger von großen Konzernen, ist ein Schritt weg vom Kapitalismus und ein Schritt in Richtung einer geldfreieren, menschlicheren Gemeinschaft.

Eigenes Saatgut ermöglicht eine ganzheitlichere Betrachtung unserer Lebensmittelproduktion

Eigenes Saatgut zu sammeln verbindet und erdet uns. Wir können die Verantwortung unserer Lebensmittel ein Stückchen weiter in die eigene Hand nehmen.

Eigenes Saatgut zu sammeln uns zu tauschen macht einfach Spaß.

Worauf muss ich achten?

Die meisten im Handel erhältlichen Gemüsesorten sind Hybride, sogenannte F1 oder F2 Sorten. Das bedeutet, dass zwei unterschiedliche Sorten gekreuzt wurden um eine Pflanze mit Eigenschaften beider Eltern zu züchten. Das ist im Prinzip nichts schlimmes und ganz normal in der Natur, nur kann man mit diesen Sorten nicht weiter züchten. Wer noch den Biounterricht in irgendeiner mentalen Schublade abgespeichert hat, kann sich vielleicht noch Vage an die mendelschen Regeln erinnern, wo von Generation zu Generation immer mehr verschiedene Kombinationen durch Kreuzung entstanden sind. Und so ist es auch mit den Hybridsorten. Wenn wir Samen einer F1 Tomatensorte aussähen, dann kommt auch wieder eine Tomate bei raus, nur diese kann sich von der vorherigen Generation stark unterscheiden.

Um das zu umgehen setzt man in der herkömmlichen Saatgutgewinnung sogenannte samenfeste Sorten ein. Das heißt, dass wenn man zwei Pflanzen der selben Sorte kreuzt, man am Ende auch die selbe Sorte wieder raus bekommt.

Wichtig zu wissen ist, dass samenfeste Sorten sich mit anderen Sorten kreuzen können und hier, Artabhängig, etwas eingegriffen werden muss um wirklich die richtigen Pflanzen miteinander zu kreuzen. Keine Sorge, um Samen von den Arten zu sammeln, die ich in diesem Beitrag mit dir Teile, musst du nicht in die Rolle einer Biene schlüpfen und von Blüte zu Blüte huschen.

Als kleiner Hinweis kann man sich merken: Gemüsesorten, die den selben wissenschaftlichen Artnamen haben, können sich kreuzen. Brokkoli (Brassica oleracea var. italica) und Blumenkohl (Brassica oleracea var. botrytis) sind zwei verschiedene Varietäten (var.) der Art Gemüsekohl (Brassica oleracea) und können sich somit kreuzen. Hier ist Vorsicht geboten, wenn man Saatgut einer bestimmten Sorte erhalten will. Natürlich gibt es auch ein paar Ausnahmen, wo sich Arten der selben Gattung untereinander ebenfalls kreuzen können, dies ist aber eher die Ausnahme.

Saatgut sollte nur von gesunden, starken Pflanzen geerntet werden, um dieses auch an die nächsten Generationen weiterzugeben. Um möglichst eine große Anzahl an genetischer Information zu behalten und Inzucht zu vermeiden, ist es Ratsam von möglichst vielen Pflanzen einer Sorte das Saatgut zu sammeln.

Behaltet genug Saatgut für zwei Jahre, sollte es mal ein Jahr nichts werden mit euren Pflanzen, dann habt ihr noch genügend Saatgut für einen zweiten Versuch. Und falls ihr doch mal deutlich mehr habt als ihr braucht: Saatgut tauschen ist eine super Sache und kann die genetische Vielfalt einer Sorte deutlich erhöhen. Oder wie Janise Ray so schön in ihrem Buch „The Seed Underground“ sagte: Samen haben eine eingebaute Erfordernis für Großzügigkeit. Ansonsten erleiden sie Inzucht.

Welche Arten eignen sich am besten für den Anfang?

Tomaten

Tomaten (Solanum lycopersicum) sind wunderbar um die ersten Samen aus dem eigenen Garten zu sammeln.

Es gibt eine Riesenauswahl an verschiedenen Tomatensorten, in allen unterschiedlichen Größen und Farben, dass es richtig Spaß macht diese Anzubauen, Samen zu ernten und zu tauschen. Da die Blüten sich meist selbst bestäuben ist es auch kinderleicht samenfeste Sorten Jahr für Jahr aus eigenem Saatgut anzubauen. Die Tomatenpflanzen können ganz normal angebaut werden und die Früchte bei reife geerntet werden. Ob man die Tomaten nun zum essen nehmen möchte oder um Saatgut zu ernten macht hier keinen Unterschied. Um das Saatgut zu säubern und die glibberige Schicht um die Samen zu entfernen empfiehlt sich eine Fermentation des Saatgutes. Keine Sorge, es ist leichter als es klingt:

  1. Schneide eine reife Tomate auf und quetsche die Kerne in ein Glas mit etwas Wasser.
  2. Stelle das Glas an einen warmen platz, ohne direkte Sonne, und rühre es immer mal wieder um. Es kann sein, dass sich eine weiße Schimmelschicht bildet, dies ist jedoch nicht schlimm.
  3. Nach spätestens drei Tagen sollte sich die glibberige Schicht gelöst haben und die keimfähigen Samen auf den Boden gesunken sein. Jetzt kannst du das Wasser zusammen mit den restlichen Tomatenstückchen vorsichtig abgießen und unter fließendem Wasser in einem Sieb die Samen säubern.
  4. Auf ein Tuch oder Teller an einem luftigen Standort, ohne direkte Sonne, trocknen lassen und dann in ein Tütchen umfüllen.
  5. Gut beschriften nicht vergessen!

In der Regel bestäuben sich Tomatenblüten selbst, sodass die Gefahr gering ist, dass sie sich mit anderen Sorten kreuzt. Wer hier auf Nummer sicher gehen will kann die verschiedenen Tomatensorten ein paar Meter voneinander pflanzen oder gezielt Blüten vor dem Aufblühen mit einem kleinen, atmungsaktiven Säckchen, z.B. Organzasäckchen, für Bestäuber unzugänglich machen. Sobald die Selbstbestäubung stattgefunden hat und es sich anfangen kleine Früchte zu bilden können diese wieder entfernt werden. Wichtig ist es nur die Tomaten mit einem kleinen Band zu kennzeichnen, damit man bei der Ernte auch noch weiß, von welchem man das Saatgut aufbewahren wollte.

Bohnen

Bei den als Lebensmittel kultivierten Bohnen handelt es sich nicht nur um eine Art, sondern tatsächlich um mehrere verschiedene Gattungen und Arten:

  • Limabohne (Phaseolus lunatus)
  • Teparybohne (Phaseolus acutifolius)
  • Feuerbohne (Phaseolus coccineus)
  • Gartenbohne (Phaseolus vulgaris)
  • Ackerbohne (Vicia faba)
  • Adzukibohne (Vigna angularis)
  • Augenbohne (Vigna unguiculata)
  • Edamame/Sojabohne (Glycine max)

Vor allem Teparybohnen, Gartenbohnen, Adzukibohnen, Augenbohnen und Sojabohnen eigenen sich wunderbar um die ersten Erfahrungen mit eigenem Saatgut zu machen. Wenn verschiedene Sorten der selben Art angebaut werden, brauchen diese nur einen Abstand von 3 bis 6 Metern [1] zueinander um die Sorten rein zu halten. Das heißt du kannst auch schon auf kleinem Raum, mit unter 3 Metern Abstand, fünf verschiedene Bohnenarten, davon je eine Sorte, anbauen und das Saatgut sammeln. Die Schoten können einfach an den Pflanzen bleiben, bis sie durchgetrocknet sind und anschließend geerntet und aufbewahrt werden.

Für Lima- und Feuerbohnen wird ein größerer Abstand von mind. 50 m empfohlen [1] was die Sache etwas kniffeliger macht, da ihr nicht unbedingt wisst, was eure Nachbarn so im Garten anbauen.

Erbsen

Erbsen (Pisum sativum) sind auch eine gute Wahl für deinen Saatgutgarten. Die Blüten sind meist bestäubt, bevor sie sich überhaupt geöffnet haben, sodass sie fast immer selbst bestäubt sind und auch hier ein Abstand von 3 bis 6 Metern zwischen Sorten ausreichend ist. Wie bei den Bohnen können die Schoten an den Pflanzen bleiben, bis sie durchgetrocknet sind und anschließend geerntet und aufbewahrt werden.

Kräuter

Bei vielen Kräutern wird im Garten meist nur eine Sorte angebaut oder die Sortenreinheit ist nicht so relevant. Vor allen Saatgut von Lauchgewächsen (Allium) wie Schnittlauch (Allium schoenoprasum), Schnittknoblauch (Allium tuberosum) und Winterheckenzwiebeln (Allium fistulosum) lassen sich einfach sammeln. Hier können Blüten einfach stehen gelassen, die Freude der Bienen über sie beobachtet und anschließend das Saatgut gesammelt werden. Vor allem beim Schnittlauch gibt es zwar verschiedene Sorten, die sich untereinander kreuzen können, wie wichtig der Erhalt einer bestimmten ist, muss hier jeder für sich entscheiden.

Auch andere Kräuter, wie Dill, können recht einfach zur Saatgutgewinnung verwendet werden.

Blumen

Von vielen Blumen lässt sich auch leicht das Saatgut sammeln, vor allem wenn man nicht genau eine Sorte erhalten will. Cosmea, Ringelblume und viele weitere Blumenarten können einfach stehen gelassen werden, bis die Samen ausgereift sind und dann das Saatgut gesammelt werden. Hier ist meine Devise: einfach ausprobieren. Da sie nicht zum Verzehr bestimmt sind, ist eine mögliche Kreuzung zwischen Sorten mit keinem Risiko verbunden, wie es zum Beispiel bei Kürbissen der Fall sein kann.

Saatgut richtig aufbewahren

Wie lange Saatgut keimfähig ist, ist stark Artabhängig aber eine richtige Lagerung für einen langen Erhalt der Vitalität ausschlaggebend. Dein Saatgut sollte trocken und kühl gelagert werden und keinen großen Temperaturschwankungen ausgesetzt sein. Wichtig ist hier auch darauf zu achten, dass sie wirklich trocken sind, bevor du sie einlagerst.

Und weiter?

Wenn ihr das Thema Saatgut und Saatguterhalt weiter vertiefen wollt kann ich euch folgende Bücher ans Herz legen. Leider sind beide bis jetzt nur auf englisch erschienen.

  • [1] The Seed Garden: The Art and Practice of Seed Saving edited by Lee Alan Buttala and Shanyn Siegel
  • The Seed Underground: A Growing Revolution to Save Food by Janisse Ray

Fazit

  • achte beim Kauf von Saat- und Pflanzgut darauf keine F1 oder F2 Hybriden, sondern samenfestes Saatgut zu kaufen, wenn du aus ihnen Samen gewinnen willst.
  • Nimm nur Saatgut von gesunden, kräftigen Pflanzen und am besten von so vielen verschiedenen, wie möglich
  • Für Anfänger eignen sich Tomaten, Erbsen, verschiedene Bohnensorten, wie auch Blumen und Kräuter zur Saatgutgewinnung

Ich wünsche euch ganz viel Spaß, euer erstes eigenes Saatgut zu sammeln!

Bis zum nächsten mal,

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